Beim „German Biochar Forum“ 2023 war es vor allem um die Einsatzmöglichkeiten von Pflanzenkohle gegangen. Über die vielfältigen Möglichkeiten, sie im Stall zur Förderung der Tiergesundheit und Emissionsminderung und auf dem Acker für den Humusaufbau einzusetzen wurde damals in der Bauernzeitung (51/2024, S. 54/55) berichtet. Im November 2024 standen in Berlin die politisch-rechtlichen und finanziellen Aspekte der Pflanzenkohle als „Negativemissionstechnologie“ im Vordergrund.
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Die neuen Verpflichtungen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung in der Industrie eröffnen für landwirtschaftliche Betriebe Perspektiven, notwendige Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel durch Unternehmen finanziert zu bekommen.
Die aktuelle Klimaschutzpolitik sieht neben der Minimierung der Nutzung fossiler Energiequellen auch die aktive Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre und dessen dauerhafte Festlegung z.B. im Boden als unverzichtbare Maßnahme an. Neben der rein technischen Lösung, CO2 maschinell aus der Luft zu holen und direkt z.B. in Gesteinshohlräumen einzuspeichern, sollen auch die biologischen Ansätze über die Photoynthese verbunden mit einer Wärmegewinnung genutzt werden:
- BCR (Biochar Carbon Removal = Pyrolyse von Biomasse zur Erzeugung von Pflanzenkohle bei Nutzung der Abwärme zur Wärmeversorgung)
- BECCS (Bioenergy with carbon capture and storage = Energetische Biomassenutzung mit der Abscheidung und unterirdischen Einlagerung von CO2)
Während bei BECCS hauptsächlich mit Rest- und Abfallstoffen gearbeitet werden soll, muss vor allem für BCR zusätzliches Holz erzeugt werden. Beide Technologien hätten eine relativ gute CO2- und Ökobilanz, erläuterte Dr. Saskia Kühnhold-Pospischil vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE. Daher sollten sie nach den Modellrechnungen des Institutes in den nächsten Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag zur Versorgung von Nahwärmesetzen leisten.
Die Modellkalkulationen gehen davon aus, dass die bisher für Energiepflanzen genutzten Ackerflächen allmählich durch Kurzumtriebsplantagen (KUP) mit schnell wachsenden Gehölzen ersetzt werden. Aus Sicht des Autors wäre es allerdings sinnvoller, die Baumpflanzungen in Form von Agroforstsystemen streifenweise anzulegen. Anders als bei KUP würden Acker- und Weideflächen dadurch nicht unbedingt ertragsmäßig reduziert, sondern ökologisch aufgewertet und ihre Produktivität im Klimawandel gesichert durch Kühlung, Wind- und Erosionsschutz, Schatten für Tiere und die Förderung der Biodiversität.
Zugleich eröffnen sich damit der Landwirtschaft neue Geschäftsfelder und Zukunftsperspektiven: Wenn Holz erzeugt wird, das direkt fossile Bau- und Brennstoffe ersetzen oder über die Pyrolyse (Strom,) Wärme und Pflanzenkohle generieren kann, ergeben sich nicht nur Verkaufserlöse für das Holz, sondern auch für „Carbon Credits“:
Dr. Rolf Kobiela von der Klimaschutzorganisation Bellona erklärte in seinem Einführungsvortrag, dass die EU Kommission bis zum 31.7.2026 geklärt haben soll, ob bzw. wie die Messung und Zertifizierung der verschiedenen Methoden des CDR (Carbon Dioxide Removal) erfolgen kann, um sie in das EU Emission Trading System (ETS) zu integrieren, ohne mögliche Treibhausgasreduktionsmaßnahmen zu kompromittieren. Am 19.11.24 gab der EU-Rat endgültig grünes Licht für eine Verordnung zur Schaffung des ersten Rahmens auf EU-Ebene für die Zertifizierung von dauerhaften CO₂-Entnahmen, kohlenstoffspeichernder Landbewirtschaftung und der CO₂-Speicherung in Produkten. Dieser freiwillige Rahmen wird hochwertige Maßnahmen zur CO₂-Entnahme und zur Verringerung von Bodenemissionen, die in der EU umgesetzt werden, als Ergänzung zur nachhaltigen Verringerung von Treibhausgasemissionen erleichtern und fördern . Bereits heute stellt der freiwillige Markt für „Carbon Removal“-Zertifikate eine attraktive Option dar.
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So berichtete Rolf Heuberger von der Swiss Helicopter AG bei einer Diskussionsrunde (ganz rechts) darüber, dass die Firma seit 2023 sämtliche Passagierflüge ausschließlich CO2-neutralisiert anbietet. Dies werde durch Flugtreibstoffe biologischen Ursprungs und eine Zusammenarbeit mit dem deutschen Partnerunternehmen Carbonfuture erreicht, welches auf dem Gebiet des Entzuges von CO2 aus der Luft (Carbon Removal) durch Pflanzenkohle tätig ist. Solche CO2-Zertifikate seien besser zu kalkulieren und zu kommunizieren als die in Verruf geraten Tropenwaldzertifikate.
Ähnlich wie Nahrungsmittel aus regionalem Anbau erfreuen sich Klimaschutzmaßnahmen in der heimischen Landwirtschaft inzwischen wachsenden großen Interesses bei der Industrie. Und dabei ist nicht nur der Klimaschutz interessant, sondern – wie Dr. Diana Born (oben Mitte) von der phiyond GmbH berichtete - auch verstärkt die Biodiversität und andere Ressourcenschutzaspekte! Große Unternehmen sind seit dem 1.1.2025 gesetzlich verpflichtet, ihre diesbezüglichen Bemühungen in einen Nachhaltigkeitsbericht entsprechend einer von der EU erlassenen Richtlinie (CSRD = Corporate Sustainability Reporting Directive) darzurstellen. Da komme es nun darauf an, Risiken zu identifizieren und zu mindern, indem sie z.B. ihren Wasserbrauch durch die Förderung Maßnahmen zur Grundwasserneubildung sichern.
Unternehmen, die Produkte der Landwirtschaft verarbeiten, sind jetzt zunehmend daran interessiert, ihre Lieferkette analysieren und werden darauf drängen, dass ihre Lieferanten jede Möglichkeit nutzen, Klimaschutz und Klimawandelanpassung zu betreiben und sich auch intensiv für die Förderung der Biodiversität engagieren. Landwirtschaftliche Betriebe, die sich hier nicht aktiv bemühen, gehen das Risiko ein, wichtige Kunden zu verlieren – und sogar die Kreditvergabe durch Banken wird zunehmend von solchen Aspekten abhängen. Es besteht aber auch die Hoffnung, dass die Kosten z.B. der Anlage eines Agroforstsystems zumindest teilweise von den Kunden getragen werden.